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Integration besser verstehen: Zuwanderinnen, die aus Ländern mit höheren Geburtenraten kommen, bekommen zunächst auch in Deutschland mehr Kinder und werden früher Mütter. © soleg / iStock /Thinkstock

Migrantinnen: Kultur der Kindheit prägt Familienplanung

Wie viele Kinder man bekommt und in welchem Alter, ist nicht nur eine bewusste Entscheidung im Erwachsenenalter. Offenbar sind junge Eltern spürbar von Erfahrungen aus der Kindheit geprägt. Das belegen Daten von türkischen Migrantinnen, die vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock (MPIDR) ausgewertet wurden.

Spuren von Sozialisation und Anpassung: In der Türkei geborene Migrantinnen (1,5 Generation) bekamen erste Kinder früher und häufiger als die Nachkommen türkischer Einwanderer (2. Generation). © MPIDR

Sind Migrantinnen in der Türkei geboren worden und erst im Laufe der Schulzeit nach Deutschland eingewandert, bekommen sie häufiger und früher Kinder als Frauen, die in Deutschland als Töchter türkischen Eltern zur Welt gekommen sind.

Insgesamt bekommen jedoch beide Gruppen früher und häufiger Kinder als westdeutsche Frauen ohne Migrationshintergrund. Zu diesem Ergebnis kommt die Demografin Katharina Wolf vom MPIDR, die zusammen mit Sandra Krapf von der Universität Köln die Studie durchgeführt hat. Ziel sei es gewesen, Integration besser zu verstehen, so Wolf.

Forschern ist schon länger bekannt, dass sich die Fertilität von Einwanderinnen und Nicht-Migrantinnen unterscheidet: So bekommen Zuwanderinnen, die aus Ländern mit höheren Geburtenraten kommen, zunächst auch in Deutschland mehr Kinder und werden früher Mütter.

Ihr Verhalten passt sich jedoch im Zuge ihrer Integration mit der Zeit dem in Deutschland an. Bisher war unklar, wie stark dabei die Prägung durch die Kultur der alten Heimat nachwirkt – auch über Generationen hinweg. 

In der Türkei geborenen Migrantinnen bei Geburt ihrer Kinder am jüngsten

Wissenschaftlerin Wolf unterscheidet zwischen Migrantinnen der „zweiten Generation“, die von türkischen Eltern bereits in Deutschland geboren wurden, und solchen der „1,5. Generation“, die in der Türkei zur Welt gekommen sind und noch bis zu einem Alter von 16 Jahren dort gelebt haben, bevor sie nach Deutschland einwanderten.

Während in der zugewanderten 1,5. Generation mit 35 Jahren bereits 86 Prozent der Frauen ein erstes Kind hatten, waren es in der zweiten Migrantinnen-Generation nur 77 Prozent. Die westdeutschen Nicht-Migrantinnen blieben noch dahinter zurück: Unter ihnen waren lediglich 63 Prozent mit 35 bereits Mütter. Zum Vergleich: Unter Frauen, die in der Türkei leben, haben mit 35 bereits 90 Prozent ein Kind, wie eine frühere türkischen Studie ergeben hat.

Die in der Türkei geborenen Migrantinnen waren bei der Geburt ihrer Kinder am jüngsten: Mit 24 Jahren war die Hälfte von ihnen bereits Mutter geworden. Für die hier geborenen Frauen aus türkischstämmigen Familien lag dieses Alter bei 27 Jahren, für die westdeutschen Nicht-Migrantinnen bei 31.

Sozialisation in der Kindheit oder Anpassung als Erwachsene?
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Je höher ihr Schulabschluss ist, desto kleiner sind die Unterschiede bei Häufigkeit und Timing der Geburten. © moodboard / moodboard / Thinkstock

„Die Sozialisation in der frühen Kindheit wirkt sehr viel stärker auf die Familienplanung, als man vermuten würde“, sagt Wolf. Denn die Frauen beider Migrantinnen-Generationen verhielten sich beim Kinderkriegen unterschiedlich, obwohl sie, bevor das erste Kind kam, bereits einige Jahre als junge Erwachsene in Deutschland gelebt und die gleichen Rahmenbedingungen kennengelernt hatten, die hier für Familien gelten: von Kinder- und Elterngeld über die Einstellungen von Arbeitgebern und Gesellschaft zu Kindern und Elternschaft bis hin zur Kinderbetreuung.

Dass die zugewanderten Frauen der 1,5. Generation früher und häufiger ihre ersten Kinder bekamen, müsse darum maßgeblich an den Vorstellungen von Familiengründung und Geschlechterrollen gelegen haben, die die Frauen in der Kindheit in der Türkei gesehen und gelernt hatten, glaubt Wolf. Wenn sich Kinder auf diese Weise im jungen Alter die Vorstellungen der Eltern und deren Kultur zu eigen machen, sprechen Wissenschaftler von Sozialisation.

Diese Sozialisation fand für die Migrantinnen der 1,5. Generation in der Türkei in einem ganz anderen Umfeld statt als für die der zweiten Generation in Deutschland: Mit durchschnittlich 2,2 Kindern pro Frau ist die Geburtenrate in der Türkei wesentlich höher als in Deutschland, wo sie bei 1,4 Kinder pro Frau liegt. Die Kinderlosigkeit sei dort nicht nur niedriger als hier, sondern auch weniger akzeptiert, sagt Wolf. „Besonders auf dem Land hüten die Frauen in der Türkei meist Haus und Hof und bekommen früh viele Kinder.“

Mit steigender Bildung schwindet der Einfluss der Kindheit

Bislang galt als offene Frage, welcher Einfluss langfristig überwiegt: die Sozialisation in der Kindheit oder die sogenannte Adaption, also die Anpassung an die Gesellschaft in der neuen Heimat im Erwachsenenalter. Insgesamt scheine für die 1,5. Generation der türkischen Einwanderinnen die Sozialisierung die Oberhand zu haben, so Demografin Wolf.

Deren Einfluss hängt aber stark von der Bildung der Frauen ab: Je höher ihr Schulabschluss ist, desto kleiner sind die Unterschiede bei Häufigkeit und Timing der Geburten – sowohl im Vergleich zur zweiten Migrantinnen-Generation als auch zu den deutschen Frauen.

Die MPIDR-Studie bezieht sich zwar nur auf türkische Zuwanderinnen. Sie habe aber auch darüber hinaus Bedeutung, sagt Katharina Wolf: „Die Ergebnisse lassen sich in der Tendenz wahrscheinlich auf andere Migrantengruppen übertragen.“ Das gelte aber nur, wenn die Frauen aus Ländern kämen, in denen die Geburtenrate ebenfalls höher sei als hier und in denen sich Normen und Wertvorstellungen über Geburten und Familie ähnlich stark von denen in Deutschland unterschieden wie die in der Türkei.

Quelle: Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock

Weitere Informationen

Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock untersucht die Struktur und Dynamik von Populationen: von politikrelevanten Themen des demografischen Wandels wie Alterung, Geburtenverhalten oder der Verteilung der Arbeitszeit über den Lebenslauf bis hin zu evolutionsbiologischen und medizinischen Aspekten der Alterung. Das MPIDR ist eine der größten demografischen Forschungseinrichtungen in Europa und zählt zu den internationalen Spitzeninstituten in dieser Disziplin. Es gehört zur Max-Planck-Gesellschaft, einer der weltweit renommiertesten Forschungsgemeinschaften. 

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