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Fettsäuren-Diät gegen Multiple Sklerose. © iStockphoto / Jan-Otto

Darm-Hirn-Achse: Fettsäuren-Diät gegen Multiple Sklerose

Fettsäuren in der Nahrung von MS-Modellmäusen verändern die Zusammensetzung von Immunzellen, die an der Entstehung und dem Verlauf der Multiplen Sklerose beteiligt sind.

Aktuell sind Wissenschaftler der neurologischen Universitätskliniken in Bochum und Erlangen diesen Zusammenhängen und dem Einfluss der Mikroflora des menschlichen Darms auf die Entstehung der Multiplen Sklerose auf der Spur.

Prof. Dr. med. Ralf Linker aus Erlangen: „Nach unseren Ergebnissen, nach denen höhere Kochsalzgehalte in der Nahrung die Multiple Sklerose befördern, fokussieren wir uns jetzt auf den Einfluss von langkettigen Fettsäuren aus der Nahrung.“ Die Ergebnisse werden in Kürze in der renommierten Zeitschrift „Immunity“ veröffentlicht.

„Wir denken bereits an die Supplementierung von kurzkettigen Fettsäuren, mit der die medikamentöse Therapie der Multiplen Sklerose unterstützt werden kann“, berichtet der Neurologe Prof. Dr. Aiden Haghikia von der Neurologischen Universitätsklinik in Bochum heute auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Düsseldorf.

Der menschliche Darm mit seiner bakteriellen Besiedlung, dem so genannten Mikrobiom, erfährt in der neurologischen Forschung derzeit große Aufmerksamkeit, insbesondere seine Rolle bei der Entstehung neurologischer Erkrankungen. Auch im Rahmen von chronisch-entzündlichen Autoimmunerkrankungen wie der Multiplen Sklerose (MS) mehren sich die wissenschaftlichen Hinweise dafür, dass das Mikrobiom des Darms einen erheblichen Einfluss auf die Krankheitsentstehung nehmen könnte.

Dabei unterliegt die Interaktion, die zwischen dem Inhalt des Darms und dem ortsständigen Immunsystem stattfindet, unterschiedlichen Einflussfaktoren: der Zusammensetzung der Darmbakterien, ihren Stoffwechselprodukten und natürlich den Nährstoffen.

Kaum ein Umweltfaktor hat sich in den letzten Jahrzehnten dabei so sehr gewandelt, wie die Ernährung in den industrialisierten Nationen. So konnte die Erlanger Arbeitsgruppe um Professor Linker bereits zeigen, dass der zunehmende Gehalt von Kochsalz in der Ernährung eine proentzündliche Wirkung bei MS entfalten kann.

Fokus auf Fettsäuren

In einer engen Kooperation zwischen den Neurologischen Kliniken der Friedrich-Alexander- Universität Erlangen und der Ruhr-Universität Bochum (St. Josef-Hospital) wird nun die Rolle von Fettsäuren für die Entstehung von autoreaktiven Zellen bei MS untersucht.

Bereits Ende der 1970er-Jahre rückten die Fettsäuren ins Visier der Forscher: Skandinavische Wissenschaftler machten die Beobachtung, dass in küstennahen Regionen die MS weniger häufig auftritt. Es entstanden die Theorie, dass Fischkonsum einen protektiven Effekt haben müsste, sowie die These, dass Fischöl eine therapeutische Wirkung haben könnte. Dies ließ sich allerdings in nachfolgenden Studien nicht weiter erhärten.

Im Unterschied zu diesen früheren Arbeiten setzt sich die aktuelle Forschungsarbeit mit der unterschiedlichen Länge des Kohlenstoffgerüstes von gesättigten Fettsäuren und ihrem Einfluss auf entzündliche TH17-Zellen und regulatorische T-Zellen des Immunsystems in der Darmwand auseinander und kommt zu interessanten Ergebnissen, die in Kürze in der renommierten Fachzeitschrift „Immunity“ publiziert werden.

Die Ergebnisse könnten durchaus Anwendung in der Unterstützung der MS-Therapie finden.

Kurzkettige Fettsäuren: Add-on zur MS-Therapie

Regulatorische T-Zellen sind dafür zuständig, sowohl überschießende Entzündungsreaktionen, z. B. im Rahmen von Infektionen, als auch autoreaktive Zellen zu unterdrücken, die körpereigenes Gewebe schädigen. Die heutige Vorstellung vom immunologischen Pathomechanismus der MS und anderer Autoimmunerkrankungen beinhaltet ein Ungleichgewicht zwischen geschwächten regulatorischen und autoimmun-entzündlichen Immunmechanismen.

Die überwiegende Mehrheit zugelassener Therapien für diese Indikationen zielt auf eine Schwächung bzw. Blockierung der pro- entzündlichen Komponente des Immunsystems ab. Eine Stärkung der regulatorischen Komponenten, z. B. mittels Propionat als Zusatz zu den etablierten Immunmodulatoren- bzw. supressoren könnte einen synergistischen Effekt erzeugen.

Die ersten Daten zum humanen Einsatz von Propionat bei Kontroll-Probanden bestätigen die experimentellen Untersuchungen der Neurologen aus Erlangen und Bochum. Propionat ist von der EU-Nahrungsmittelkontrolle und der FDA als Nahrungszusatzmittel als unbedenklich eingestuft. Die gewonnenen Erkenntnisse will die Arbeitsgruppe in Bochum und Erlangen nun für die Entwicklung von innovativen diätetischen Add- on-Maßnahmen als Ergänzung zu den bekannten Immuntherapeutika nutzen.

Quelle: idw - Informationsdienst Wissenschaft

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